Interview mit Pēteris Vasks „Ich bin ein trauriger Optimist“ vom 26. Mai 2020

Pēteris Vasks, Foto: Schott Music / Mélanie Gomez

Pēteris Vasks ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Lettlands; sein anhaltender Werdegang hatte einen großen Einfluss auf andere baltische Komponisten. Sein Werk umfasst fast jedes Genre: Orchester-, Klavier- und Kammermusik. Er hat ein umfangreiches Œuvre geschaffen, das in der ganzen Welt beachtet und häufig aufgeführt wird. Besonders zu erwähnen sind seine beiden Violinkonzerte „Fernes Licht“ und „Einsamer Engel“, die er 1997 und 2006 für Gidon Kremer geschrieben hat.

Vom Beginn seiner Laufbahn hat sich Pēteris Vasks besonders intensiv mit Chormusik befasst. Der Chorgesang ist das wichtigste musikalische Genre in der zeitgenössischen lettischen Musik und hat in den vergangenen Jahrzehnten auch eine besondere politische Rolle gespielt, besonders auf dem Wege Lettlands zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Die Erfahrung der Unfreiheit ist im Schaffen von Pēteris Vasks bis heute präsent. Außerdem setzt er sich oft mit der Natur auseinander, jedoch ohne verklärende Idyllen zu kreieren. Vielmehr geht es ihm um die gegenseitige Beeinflussung von Mensch und Natur sowie um die drohende ökologische Apokalypse.

Welturaufführung von Pēteris Vasks »Veni Domine« mit Iveta Apkalna (2019)

Das Interview mit dem Komponisten Pēteris Vasks erschien am 26. Mai 2020 in der Heidenheimer Zeitung und wurde geführt von Burkhard Schäfer. Nachfolgend können Sie das vollständige Interview lesen.

Burkhard Schäfer: Wie erleben Sie als Komponist die Corona-Zeit in Lettland?

Pēteris Vasks: Konzerte fallen aus, und ich kann abends auch nicht mehr ins Theater gehen, dafür habe ich jetzt viel Zeit, um zu wandern, zu lesen und CDs zu hören. Ich liebe die Einsamkeit. Für einen Komponisten ist das Alleinsein doch sowieso die normale Situation (lacht), deshalb machen mir die Kontaktbeschränkungen nicht viel aus.

Wie wird uns die Krise Ihrer Meinung nach verändern?

Ich hoffe, dass die Menschen aus der Krise etwas lernen, weniger materialistisch denken und stattdessen mehr Sinn für das Geistige und Spirituelle entwickeln. Manche merken erst jetzt so richtig, was es bedeutet, eine Familie und Angehörige zu haben und miteinander zu sprechen. Ich bin ja ein trauriger Optimist und gehe davon aus, dass nach der Krise vieles besser wird.

Wie erschaffen Sie Ihre Kompositionen?

Ich arbeite jeden Tag an meinen Werken. Da ich aber mit meinen 74 Jahren ein Rentner bin (lacht) und ohne Computer, sondern nur mit Papier und Bleistift komponiere, geht das nur langsam, dafür aber stetig voran. Komponieren ist für mich wie Hausbau. Nacheinander füge ich Stein auf Stein aufeinander, vom Keller bis zum Dach, bis das Gebäude schließlich fertig ist.

Sie sagten, Sie hätten mehr Zeit für CDs. Was hören Sie momentan?

Ich höre gerade die späten Streichquartette von Pehr Henrik Nordgren, das war ein fantastischer finnischer Komponist, der 2008 verstorben ist und dessen Musik ich sehr bewundere. Diese Quartette sind sein Testament. Endlich habe ich jetzt auch die Zeit, alle Sinfonien von Arvo Pärt zu hören. Seine Tonsprache steht der meinigen sehr nah.

Begleiten Sie die CD-Einspielungen Ihrer eigenen Werke?

Ja, soweit es möglich ist, bin ich im Tonstudio immer dabei. Nur bei der Einspielung meiner Werke für Klaviertrio mit dem Trio Palladio war ich leider verhindert. Aber das hat nichts ausgemacht (lacht), die Musiker spielen mit so viel Liebe und Enthusiasmus, dass ich mit dem so entstandenen Ergebnis einfach nur glücklich bin.

„Lonely Angel“, so der Titel des ersten Stücks auf dieser CD, ist ja eine Bearbeitung Ihres vierten Streichquartetts. Was reizt Sie an solchen Arrangements?

Ich habe den letzten Satz dieses Quartetts umgeschrieben, um auch dem Trio Palladio die Möglichkeit zu geben, diese Musik zu spielen. Von Werken, in denen ich etwas ganz besonders Wichtiges zu sagen habe, mache ich gerne Bearbeitungen, weil ich meine spirituellen Botschaften dann weiter verbreiten kann.

Die Gattung Streichquartett steht Ihnen besonders nahe, richtig?

Das stimmt. Letztes Jahr habe ich mein sechstes Streichquartett komponiert, und zwar für das Artemis Quartett. Der letzte Satz des Werks ist ein Choral. Hier kommt es zu einer Begegnung mit Beethoven. Das ist mein musikalisches Testament. Ich weiß, dass ich kein weiteres Quartett mehr schreiben werde. Sechs ist eine gute Zahl, das sind genauso viele, wie Bartók geschrieben hat.

Burkhard Schäfer, Heidenheimer Zeitung, 26.05.2020.

Pēteris Vasks neueste CDs: Werke für Klaviertrio mit dem Trio Palladio (Ondine/Vertrieb Naxos); Violakonzert und Sinfonie für Streicher „Voices“ mit der Sinfonietta Riga (BIS/Klassik Center); Konzert für Violine und Streichorchester mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra (BIS).

Titelbild: Schott Music / Mélanie Gomez

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s