Virtuelle Teilnahme an der legendären Kunstaktion von Hardijs Lediņš am 14. Juni 2020

Vor rund 40 Jahren fand der erste „Gang nach Bolderaja“ („Gājiens uz Bolderāju„) statt – eine der bekanntesten Kunstaktionen der lettischen Avantgarde, realisiert von der Künstlergruppe der “Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle” (auf lettisch – „Nebijušu sajūtu restaurācijas darbnīca„, oder NSRD), von Hardijs Lediņš, Juris Boiko und Imants Žodžiks. Um dieses Ereignis zu würdigen veranstaltet das lettische Internetmagazin „Capital R“ eine virtuelle LIVE – Aktion mit der Möglichkeit die Strecke von Imanta bis nach Bolderaja virtuell zu Fuß zurückzulegen, wie in den legendären Kunstaktionen vor 40 Jahren.

Der erste „Gang nach Bolderaja“ fand 1980 statt. Es folgten weitere jährliche Aktionen, praktiziert von Hardijs Lediņš, der Gruppe NSDR sowie externen Gästen. Es war eine experimentelle, ergebnisoffene, partizipationsorientierte Kunstform zwischen Aktionskunst, Land Art und Happening, die in Fotografien, Gemälden oder auch in Gefühlen und Erinnerungen der damaligen Teilnehmer verewigt wurde. Zwischen den Jahren 1987 bis 2002 wurden die Kunstaktionen auch auf Video aufgenommen. Die Spaziergänge nach Bolderaja fanden als Rituale statt – es war ein philosophischer Prozess mit besonderen Elementen der Vorbereitung und der Einstimmung. Obwohl die Teilnehmer dieser ritualisierten Spaziergänge diese damals nicht als Kunstaktionen empfanden, doch sind sie in die Kulturgeschichte Lettlands als unikale Phänomene der Aktions- und Performancekunst eingegangen.

Der virtuelle Gang nach Bolderaja findet am 14. Juni 2020, um 19:20 Uhr statt. “ Es ist ein symbolisches Datum, denn gerade an diesem Tag im Jahr 1981 fand der zweite „Gang nach Bolderaja“ statt. Zudem befindet sich dieses Datum genau in der Mitte zwischen dem Geburtstag und dem Todestag von Hardijs Lediņš“, betonen die Veranstalter.

Der virtuelle Spaziergang kann LIVE auf YouTube miterlebt werden unter: Online-Tickets (kostenlos).

In einem Gespräch mit Normunds Lācis, veröffentlicht im Jahr 1988 im Magazin „Avots„, beschreibt Hardijs Lediņš die ritualisierten Spaziergänge wie folgt:

Die Reise entlang der Zuggleise Richtung Bolderaja ist ein Ereignis, das sowohl spirituelle als auch physische Qualitäten hervorbringt. Tatsächlich ist Bolderaja ein unangenehmer Ort und kein typisches Ausflugsziel. Doch die Tatsache, dass wir uns gerade dorthin begeben ist signifikant. Um den Wechsel zwischen Dunkelheit und Licht zu erfahren, brechen wir für diese Reise ganz früh am Morgen noch in der Dunkelheit auf… Auf dem Weg in der Nähe von Spilve geht dann die Sonne auf. Oder vice versa. Auf dem Weg zurück erleben wir den Sonnenuntergang. Der Wechsel von Licht und Dunkelheit ist eine der stärksten Impressionen. Ein weiterer wichtiger Eindruck ist das Erleben der Natur sowohl in der Stadt als auch auf den Feldern, im Wald, und, bei der Ankunft – in der industriellen Umgebung von Bolderaja… Auf unserem Weg finden zugleich Rituale und Happenings statt.“

„Gang nach Bolderaja“ (2002). Teilnehmer: Solvita Krese, Liāna Langa, Gundega Ozolīte, Ineta Sipunova, Indulis Bilzēns, Valts Kleins, Hardijs Lediņš, Mārtiņš Dūmiņš, Igors, Oskars Poikāns, Leonards Laganovskis, Kristīne Želve. Video von Sandijs Lūsēns. Montage – Jānis Lauznis.

Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Straka erinnert sich:

Hardijs Lediņš war als Künstler ein Avantgardist in jeder Hinsicht. Der Begriff “Avantgarde” stammt aus dem militärischen Vokabular, heißt “Vorhut” und ist durch Fortschrittsorientierung und nonkonformistische Haltung gegenüber politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen und ästhetischen Normen gekennzeichnet. Das alles traf auf Hardijs Lediņš zu. “Avantgarde” wird zwar in der westlichen Kunst seit der Postmoderne in den 1980er Jahren kritisch gesehen und heute nur noch historisch verwendet, denkt man etwa an die italienische Kuünstlergruppe “Trans Avantguardia” (Chia, Clemente, Cucci, Paladino). Aber in Bezug auf die lettische Kunstgeschichte war Hardijs Lediņš ein radikaler Avantgardist. (…) Er hat mit der Gruppe NSR (“Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle”; auf lettisch – „Nebijušu sajūtu restaurācijas darbnīca“) ein Erbe der Avantgarde aufgenommen, weiter entwickelt und damit Maßstäbe für künftige Künstlergenerationen gesetzt. Er arbeitete multimedial und transdisziplinär zwischen Kunst, Architektur, Musik, Neuen Medien, Film und Literatur. Er bediente sich innovativer Kommunikationstechnologien und Neuer Medien und war auch damit seiner Zeit voraus. Schon 1988 veranstaltete er z.B. ein internationales “Transwelt Telefonkonzert”. Er überwand im künstlerischen Handeln Konventionen, geografische und politische Grenzen und stellte sich immer neuen Herausforderungen, auch seinem Publikum. Er bewahrte das kulturelle Erbe seiner Heimat, aber er war doch ein Erneuerer und seine Arbeit beispielhaft für eine neue Zeit. (…)

Schon der lettische Name der Gruppe “NSR”, im Englischen “Workshop for Restauration of Unexpected Feelings”, oder kurz: “Unexpected Feelings Restauration”, war ja vollkommen außergewöhnlich. Heute würde ich sagen, “der Name war Programm”. Man kann die gesamte
künstlerische Philosophie von Hardijs Lediņš daraus ableiten.(…) In der deutschen Übersetzung von NSR einigten wir uns auf “Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle”, was eine leichte, von Hardijs wohl gewollte Abweichung zur englischen Übersetzung “unexpected feelings restauration” darstellte. (…) Lediņš wollte beim Zuhörer oder Zuschauer eine “sinnliche”, ganzheitliche Wirkung mit Musik, Performance und Video erreichen. “Nie empfundene Gefühle” sollten es sein, d.h. ein ganz neuer, sinnlicher Eindruck sollte entstehen, ohne die künstlerischen Traditionen zu verleugnen. Dafür steht “Restauration”, womit auch der Impuls zur Bewahrung der kulturellen Identität ausgesprochen wurde.

Hardijs Lediņš veranstaltete zahlreiche Performances und Konzerte, während wir zu unseren Ausstellungsvorbereitungen in Riga waren. Meist waren Clubs, Kinos oder kleinere Theater die Schauplätze von Auftritten der NSR. Immer wieder lud mich Hardijs auch ein, an seinem jährlichen “Gang nach Bolderaja” teilzunehmen, aber es kam während meiner Riga-Aufenthalte leider nicht dazu. Ich bedaure das nachträglich sehr, denn ich kenne diese Performances nur durch die Musik, Videos und Fotos, die davon blieben. Aber allein die künstlerischen Relikte haben mich überzeugt. Schon die Filmstills mit unscharfer Szenerie, in blauen oder braunen Sepiatönen, waren ja ungewöhnlich. Es waren künstlerische Dokumente von Aktionskunst, aber keine Dokumentarfotos. Imants Zodziks hatte sie aufgenommen oder aus den Videos herausdestilliert. Sie wurden 1988 als Exponate in der Ausstellung “Riga – Lettische Avantgarde”, in der Staatlichen Kunsthalle Berlin gezeigt. In der Ausstellung fanden mehrere Performances der Gruppe NSR statt, bei denen Hardijs Lediņš der Hauptakteur war. Es war alles sehr ungewöhnlich, auch für unser Westberliner Publikum. Man hatte doch keine Ahnung von lettischer Kunst! Die Presseberichte sprechen Bände! Alle regionalen und überregionalen Zeitungen schrieben lange Artikel. Die Aufmerksamkeit war hoch, weil Berlin 1988 den Titel “Europäische Kulturmetropole” trug. Viele Artikel nahmen Hardijs kreativen Gruppentitel “Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle” als Überschrift. Der Berliner Tagesspiegel schrieb: “Den mittleren Raum des oberen Kunsthallentraktes belegt die multimediale Arbeit der Gruppe mit dem wunderschönen Namen ‘Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle’. Die Fotos von der Pressekonferenz zeigen die große Aufmerksamkeit der westlichen Medien für die Künstler aus Riga.

Noch heute muss ich sagen: Hardijs und die NSR vermittelten uns ein ganz anderes Denken, ein fremdartiges, fast kosmisches Zeit- und Raumgefühl. (…) Es war auch von einem langsameren, ganzheitlichen, organischen Lebensgefühl geprägt, das zu dem schnelllebigen, atemlosen und unsteten Leben im Westen nicht passen wollte. Die Ausstellung in Berlin und in Riga wurde ein großer Erfolg, und so auch für Hardijs und NSR. Mit den anderen teilnehmenden Künstlern wurden sie zu Botschaftern eines neuen Lettland und Symbol für die kulturelle und politische Öffnungsbewegung. Sie hatten dieses Regime längst überwunden und waren als autonome Künstler Wegbereiter der Autonomiebewegung ihres Landes. Sie wurden nun auch in Riga als solche wahrgenommen.“

Barbara Straka, „Erinnerung an Hardijs Ledins: Persönlichkeit, Künstler, Avantgardist“, Vortrag am 13. Dezember 2015 im Latvian Centre for Contemporary Art, Riga. Den ganzen Vortrag von Barbara Straka finden Sie unter diesem LINK.

Archivmaterial der Performances sowie der Musik von Hardijs Lediņš sowie der “Werkstatt zur Restauration nie empfundener Gefühle” NSRD ist auf der Internetplattform www.pietura.lv in digitalisieren Form verfügbar.

Titelbild: Diana Popova aus der Ausstellung „To Bolderaja I Go“, LCCA Office Gallery, 2015

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo und vielen Dank für den informativen Beitrag! Sehr cooler Blog.

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  2. Vielen lieben Dank für den interessanter Artikel! Sehr cooler Blog.

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