Andris Poga und das Deutsche Symphonie-Orchester in der Berliner Philharmonie am 9. April 2022

Am 9. April 2022 dirigiert der lettische Dirigent Andris Poga das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie Berlin. Seien Sie dabei! Mehr Information zum Konzert und Tickets finden Sie hier.

Konzert am 9. April 2022, 20:00 Uhr in der Philharmonie Berlin.

Mitwirkende: Andris Poga (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Sergey Khachatryan (Violine)

 

Porgramm:

Sergei Prokofjew
Violinkonzert Nr. 2 g-Moll

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 4 c-Moll


Von Leichtigkeit und Lebensfreude zur Katastrophe: Die russische Symphonik des 20. Jahrhunderts umspannt große Gegensätze. Schon bei früheren DSO-Gastspielen zeigte Andris Poga – nach dem Gewinn des Swetlanow-Wettbewerbs drei Jahre lang Assistent bei Paavo Järvi in Paris – dass er sich damit bestens auskennt. Der armenische Geiger Sergey Khachatryan, der zuletzt 2015 das DSO-Publikum mit Chatschaturjans Violinkonzert begeisterte, steuert dem seine eigene Sicht von Authentizität bei.

Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 4 ist ein monumentales Werk. Nicht nur durch ihre äußeren Dimensionen, mit über 100 Mitwirkenden auf der Bühne und von über einer Stunde Dauer, reicht die Vierte an die großen Mahler- Symphonien – die »Auferstehung« oder die »Symphonie der Tausend« – heran. An existentieller Tiefe, an katastrophalen Zusammenbrüchen und bitterstem Pessimismus geht sie vielleicht noch weiter. Explizite Mahler-Bezüge, die Banalität und Leere ironisieren – etwa die unablässig mäandernden, quasi »leiernden« Bewegungen aus ›Des Antonius von Padua Fischpredigt‹ aus dessen Zweiter Symphonie oder die Trauermarsch-Persiflage in der Largo-Einleitung zum Finale – lassen ebenfalls vermuten: Die Vierte betreibt Bestandsaufnahme der persönlichen Situation des Komponisten, ist »Spiegel seiner seelischen Verfassung«, wie sein Freund Krzysztof Meyer bemerkte.

Immer restriktiver versuchte die stalinistische Kulturpolitik das Dogma des Sozialistischen Realismus durchzusetzen. Im Januar 1936, mitten in der Arbeit an der Vierten, war der berüchtigte ›Prawda‹-Artikel erschienen, der das ganze bisherige Leben des 30-jährigen Komponisten auf den Kopf stellen sollte: Unter dem Titel ›Chaos statt Musik‹ erfolgte ein gnadenloser Verriss der Oper ›Lady Macbeth von Mzensk‹, deren bisheriger Erfolg durch Stalins Missfallen zunichte gemacht wurde. Der Komponist sah sich zum »Volksfeind« deklariert, seine Produktionsmöglichkeiten vernichtet, dachte an Selbstmord. Sein Werk vollendete er trotzdem, doch eine Aufführung konnte er nicht wagen. Auch wenn die ironisch kieksenden Holzbläser, die unheilvoll knarrenden Posaunen, stampfende »Maschinen«-Rhythmen oder erstickte nostalgische Walzeransätze sich nicht eindeutig als Schreckens- und Zerrbild der Stalin-Diktatur verstehen ließen, so war doch klar, dass damit nicht die strahlende sozialistische Zukunft gemeint sein konnte. Erst 1961 erlebte di Vierte, deren Stimmenmaterial im Krieg verloren ging und rekonstruiert werden musste, ihre orchestrale Uraufführung. Der Komponist selbst bemerkte, er hielte sein Werk für misslungen; es leide an »Grandiosomanie«.


Als Sergei Prokofjew 1935 sein Zweites Violinkonzert komponierte, befand er sich in einer gänzlich anderen Lage als sein Kollege. Nachdem er bereits 1918 Russland verlassen hatte, versuchte er zunächst in den USA und dann in Paris Fuß zu fassen. Dies gestaltete sich schwierig – die Konkurrenz von Rachmaninoff und Strawinsky war groß. Immer öfter begann er zwischen Paris und Moskau zu pendeln, der Gedanke an Rückkehr kam auf. Im Zuge des aufkommenden Neoklassizismus im Westen wandte sich auch Prokofjew immer mehr einer »Neuen Einfachheit« zu. Das Violinkonzert besticht durch klare melodische Linien, dissonanzenärmere Harmonik als im Frühwerk und klassisch-kontrapunktische Durcharbeitung. Doch anders als etwa bei Strawinsky gibt es keinerlei historische Anleihen oder gar Zitate – was Prokofjew als Verzicht auf eine eigene musikalische Sprache ansah. Kurz nach der triumphalen Uraufführung des Konzerts in Madrid kehrte er in seine sowjetische Heimat zurück. Dort wurde gerade das Violinkonzert als Verwirklichung von Verständlichkeit und Volkstümlichkeit begrüßt und als Einsicht des Komponisten »in die Ziellosigkeit seines formalistischen Experimentierens« interpretiert – was die Funktionäre nicht hinderte, ihn zehn Jahre später genau dieses »Verbrechens« zu bezichtigen.

Autorin: Isabel Herzfeld

Andris Poga ist ab der Saison 2021/22 Chefdirigent des Stavanger Symphony Orchestra. Zuvor wirkte er acht Jahre lang als Musikdirektor des Lettischen Nationalorchesters in Riga.

Zu den Höhepunkten der letzten Spielzeiten zählten Konzerte mit dem Gewandhausorchester in Leipzig, Orchestre de Paris, den Münchner Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem Tonhalle-Orchester in Zürich, den Rundfunksinfonieorchestern des NDR, WDR, HR, SWR, MDR und dem DSO, dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai, Sydney Symphony, NHK Symphony Tokio und den Sankt Petersburger Philharmonikern.

In der Spielzeit 2020/2021 war Andris Poga unter anderem zu Gast beim WDR- Sinfonieorchester in Köln, dem SWR-Symphonieorchester in Stuttgart, Oslo Philharmonic, Danish Radio Orchestra, Royal Liverpool Philharmonic und Royal Stockholm Philharmonic. In der Saison 2021/2022 gastiert er in Deutschland erneut beim WDR Sinfonieorchester in Köln und wird er mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Matthias Goerne auf Tournee sein.

Sein Dirigierstudium absolvierte er an der Jāzeps Vītols Latvian Academy of Music seiner Geburtsstadt Riga und studierte dort gleichzeitig Philosophie an der Staatlichen Universität Lettland. Darüber hinaus erhielt er Dirigierunterricht bei Uroš Lajovic an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst und besuchte Meisterkurse bei Seiji Ozawa und Leif Segerstam.

2010 gewann er den ersten Preis beim internationalen Dirigierwettbewerb ›Jewgeni Swetlanow‹ in Montpellier. Nach diesem Erfolg ernannte Paavo Järvi ihn für drei Jahre zum Assistant Conductor beim Orchestre de Paris. 2012 wurde Andris Poga in die gleiche Position beim Boston Symphony Orchestra berufen. Der internationale Durchbruch gelang ihm, als er auf einer Asien-Tournee der Münchner Philharmoniker im Oktober 2014 mit großem Erfolg kurzfristig für Lorin Maazel und Valery Gergiev einsprang.

In der Saison 2016/ 2017 debütierte Andris Poga beim DSO u. a. mit Musik Igor Strawinskys. Im April 2022 kehrt er mit Werken von Schostakowitsch und Prokofjew ans Pult des Orchesters zurück.

Sergey Khachatryan gewann im Jahr 2000 den Internationalen Jean-Sibelius-Wettbewerb in Helsinki als jüngster Teilnehmer in der Geschichte des Wettbewerbs. 2005 folgte ein weiterer Erster Preis beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel.

Seitdem konzertiert der gebürtige Armenier mit renommierten Klangkörpern weltweit, darunter das SWR Symphonieorchester, die Berliner, Wiener und Münchner Philharmonikern, die Bamberger Symphoniker, dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, dem Orchester des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg, dem New York Philharmonic, dem Cleveland Orchestra und den Symphonieorchestern von London, Boston, San Francisco, Melbourne und Sydney. Dabei traf er auf herausragende Dirigenten wie Christoph Eschenbach, Herbert Blomstedt, Jonathan Nott, Valery Gergiev, Gustavo Dudamel, Vasily Petrenko, Andris Nelsons und James Gaffigan.

Mit seiner Schwester, der Pianistin Lusine Khachatryan, gastierte er als Duo u. a. in der New Yorker Carnegie Hall, der Londoner Wigmore Hall, dem Théâtre des Champs-Élysées in Paris, dem Concertgebouw in Amsterdam, dem Palais des Beaux-Arts in Brüssel und der Philharmonie Luxembourg. Gemeinsam veröffentlichten sie bisher drei CD-Einspielungen, unter anderem ein Album mit Werken armenischer Komponisten.

Sergey Khachatryan spielt die Violine ›Ysaÿe‹ von Guarneri aus dem Jahr 1740. Beim DSO war er zuletzt im November 2015 mit Aram Chatschaturjans Violinkonzert zu Gast.

Seit 1946 strahlt das Deutsche Symphonie-Orchester über die Grenzen Deutschlands hinaus in die Welt. Namhafte Chefdirigenten prägten seine Geschichte: Ferenc Fricsay, Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy, Kent Nagano, Ingo Metzmacher und Tugan Sokhiev standen an seiner Spitze. Die langjährige Verbundenheit mit hochkarätigen Gastdirigenten wie Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach, Ton Koopman, Sir Roger Norrington, Sakari Oramo, Leonard Slatkin oder David Zinman trägt ebenso wie die regelmäßige Zusammenarbeit mit seinem heutigen Ehrendirigenten Kent Nagano und den ehemaligen Chefdirigenten zum Renommee des Orchesters bei.

Titelfoto: Anrijs Požarskis, Latvijas Nacionālais Orķestris

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